26. Mai 2017 · Kommentieren · Kategorien: Gehört

Paranoya-270x270Woran erkennt man eine Band, die es ernst meint? Daran, dass sie auch im Jahr 2017 noch tapfer ihre Myspace-Seite pflegt. So ist es bei Paranoya aus Hamm, womit wir nebenbei auch herausgefunden hätten, dass Myspace noch gar nicht abgeschaltet wurde und deutlich schneller lädt als anno 2000 oder wann das gerade angesagt war. Zudem betreiben sie weder Instagram noch Snapchat, das ist auch noch Haltung!

Nun denn: Von Paranoya gibt es nach dem gelungenen Fragmente-Album eine neue 7‘, zwei Songs, einer A, einer B, das Ding gibt es nämlich physisch nur auf Vinyl. Aufgenommen wurden die Songs aber schon 2014, sind also vermutlich während der Fragmente Aufnahmen mit entstanden und werden nun nachgeschoben.

Textlich ist alles beim Alten: Politisches und Gesellschaftskritisches wird auf der persönlichen Ebene verhandelt. In „Dämonen“ geht es darum, dass etwas in einem selbst über einen selbst Besitz erlangt. Wären es nicht „meine Dämonen“ könnte man dem auch eine gesellschaftliche Interpretation abringen, bei allem, was neuerdings gesellschaftlich wieder aus den Löchern gekrochen kommt. Aber das sind sicher nicht unsere Dämonen. In „End//lich“ ist das Gesellschaftliche dann wieder stärker Thema: Gefühle, Wünsche, Ziele, wird alles kaum entwickelt bevor man ganz schnell gar nicht mehr ist.

Musikalisch hat sich wiederum sehr viel getan: Paranoyas Grundstil ist ja so eine Art Deutsch-Punk mit so einer Metal-Härte. In diesen beiden Tracks gehen sie mal ganz andere Wege, Dämonen groovt düster und ein bisschen bedrohlich vor sich hin, was insgesamt gut zum Text passt. Das textlich ja auch nicht gerade fröhliche „End//lich“ hat einen wie ich finde ganz lustigen Gitarren-Sound, wodurch alles auch irgendwie gar nicht mehr so schlimm klingt. Muss ich beim Gesang manchmal an die frühen Blumfeld denken? Um es heraus zu finden, müsste ich mal wieder die frühen Blumfeld hören, aber das möchte ich nicht. Deshalb zurück zu Paranoya:

Ich mag es ja überhaupt nicht, wenn eine Band sich immer „weiter entwickelt“ haben muss, nur weil sie mal anders klingt: Ich mag die beiden Tracks jedenfalls, weil sie den klassischen Paranoya-Sound ordentlich auffrischen.

https://myspace.com/paranoyahamm

Hinweis: Einen musikalischen Rückblick auf das Rodeo, mitsamt einigen Stimmen von diesem Jahr, gibt´s demnächst auf Punkrockers Radio.de! Genauer Termin folgt hier und auf Facebook! 😉

IMG_8160Das war mal wieder ein Fest!

Nach drei Tagen braucht man dann zwar nochmal drei Tage Urlaub, aber das ist es wert! Schon das Lineup las sich im Vorfeld der zehnten Jubiläumsausgabe des Ruhrpott Rodeos angemessen. NOFX, Flag, Talco, UK Subs, CJ Ramone, Lagwagon, Adolescents, Descendents, Sondaschule, Eisenpimmel, Zwakkelmann und und und. Ganz schön viel zu tun, Prioritäten setzen war angesagt. Eine Priorität war es, zumindest am Freitag schon pünktlich am Gelände zu sein, um das PIY Punkrock Karaoke schon mitzubekommen. Das hat, nach unterhaltsamer Bahnfahrt mit netten Leuten (Schöne Grüße in die Schweiz! :) ), auch ganz gut geklappt. Gute Songauswahl diesmal und sogar einige durchaus talentierte SängerInnen auf der Bühne, schöne Sache zur Eröffnung! Weiter ging´s mit Bonsai Kitten, nett. Buster Shuffle waren ziemlich öde, also eine gute Gelegenheit mal ein paar Leute zu treffen, zu quatschen und zu trinken. The Baboon Show waren im Anschluss daran allerdings ziemlich cool, da werde ich wohl nochmal genauer reinhören. Zwakkelmann als Opener auf der kleineren Rodeo IMG_7206Bühne war gewohnt großartig, was hier allerdings störte war (wie leider oft) der Soundcheck der größeren Ruhrpott Bühne. Ganz ehrlich, meiner Meinung nach könnte man einige Bands zwischen 12.30 Uhr und 14 Uhr streichen und das Programm etwas entzerren, um vernünftige Umbau Pausen einbauen zu können. Das Gebolze der Hauptbühne hat wirklich einige Auftritte auf der kleinen Bühne äußerst anstrengend gemacht. Naja, egal. Jello Biafra und seine Medizin Schule habe ich jetzt zum dritten (?) Mal gesehen und werde einfach nicht warm damit. Klar, die Kennedys Songs sind super, an Jello als Person und Sänger gibt´s auch keinen Zweifel, aber irgendwie zündet die Musik bei mir einfach nicht. Furchtbar belanglos das alles. Darüber hinaus konnten die wesentlich grandioseren Knochenfabrik im Anschluss mindestens einen Song nicht spielen, da Jello´s Ansprache zu Donald Trump doch etwas langgezogen war. Verständlich, auch wenn ich mich zeitweise in die 2000er Jahre zurückversetzt fühlte, als gefühlt jede US-Band mindestens einen Song oder eine Ansage gegen George Bush brachte. Aber wie gesagt verständlich, ist ja auch ein Arschloch. Jello´s Neuinterpretation „Nazi Trumps Fuck Off!“ setzte dem Ganzen dann einen passenden Schlusspunkt. Dritte Wahl machten beim einsetzenden Sonnenuntergang dann wieder richtig Spaß und auch Veranstalter Alex ließ sich auf der Bühne sehen und surfte anschließend, Gutscheine verteilend, auf einer Matratze durch das Publikum. Couchsurfing mal anders. 😉 Zu fortgeschrittener Stunde lockten mich dann die Klänge von „Rebel Yell“ nochmal an die kleine Bühne und ich könnte IMG_8010schwören, ich hab den echten Billy Idol auf der Bühne gesehen, coole Sache diese Idolized. Suicidal Tendencies und Adolescents (angekündigt als Kids Of The Black Hole) verpasste ich zugunsten von Quatschen, Trinken, Leute treffen – Socializing wie man so sagt. Headliner des Abends waren dann WIZO. Das letzte Mal, dass ich WIZO live sah, war die Reunion Show auf dem Rodeo 2010. Damals war ich ziemlich enttäuscht und kam mir schrecklich alt vor, da das alles nicht so recht zünden wollte. Diesmal ging ich also mit geringer Erwartungshaltung an die Sache ran und wurde positiv überrascht. Die Setlist war gut gefüllt, die Hits aus meiner Jugend wurden gespielt und nur etwa 3-4 neue Songs gebracht. So kann man das machen! Entsprechend voll war es auch vor der Bühne, was der Stimmung darüber hinaus sehr zuträglich war. Der mittlerweile gesteigerte Alkoholpegel (fast) aller Anwesenden mag ein weiterer Grund gewesen sein. Apropos Alkohol, einige Schnapsleichen gibt´s ja immer, aber im Großen und Ganzen kann man die meisten Feiernden doch als „professionelle Trinker“ bezeichnen – im positiven Sinne natürlich. Denn mit wenigen Ausnahmen konnten alle gut mit der Menge Alkohol umgehen die sie so intus hatten. Außerdem führt dies ja auch manchmal zu ganz unerwarteten, aber doch irgendwie witzigen Begebenheiten. So wie Freitag etwa, als ich etwas betrunken nach dem WIZO Auftritt mit zwei weiteren Betrunkenen ins Gespräch kam. Wir tauschten ein paar Sätze aus und ich fragte, woher sie denn kämen und was sie so vom WIZO Konzert hielten. Meiner getrübten Ansicht nach drückte ich mich dabei natürlich sehr verständlich und äußerst eloquent aus. Nach einigen verwirrten Blicken und eher verhaltenen Antworten fragten sie mich (auf bestem Schulenglisch), ob ich aus England stamme oder aus welchem Land ich denn eigentlich ursprünglich käme. Meine Aussprache schien also doch eher undeutlich und lallend, anstatt verständlich und eloquent gewesen zu sein. Verwirrt behauptete ich, dass ich aus Irland stammen würde und der Rest des Gesprächs fand dann auf Englisch, mit eigens in Dublin angeeignetem irischen Akzent, statt. Crazy, indeed.IMG_8201

Der Samstag begann entsprechend spät und verkatert eigentlich erst mit dem grandiosen El Fisch, der, alleine mit Gitarre, dem Soundcheck der Hauptbühne trotzte. Die Ansage in selbige Richtung „Schnauze da drüben!“ dürfte nicht nur mir aus dem Herzen gesprochen haben. Der restliche Abend plätscherte musikalisch so vor sich hin, was der (für mich) eher uninteressanten Bandauswahl geschuldet war. The Locos haben darüber hinaus abgesagt, so dass Schmutzki einsprangen. Kannte ich nicht, außer von der Promo für ihren Campingplatz Auftritt, überzeugte mich aber auch in keiner Weise. Muss ja auch nicht. Lagwagon waren für mich schon immer irgendwie eine der uninteressanteren Bands aus der „Kalifornien Connection“, dementsprechend belanglos war auch der Auftritt. Sicherlich wurde hier nichts falsch gemacht, öde war es aber trotzdem. Überraschend gut waren dann Irie Revoltés, die zumindest für ein paar Songs richtig Laune machten, was besonders nach den eher schwachen Lagwagon wirklich nötig war. Nach ein paar Songs von den Fucking Faces war die Kondition dann aber schon wieder am Ende, so dass Turbonegro, The Creepshow und leider auch die Descendents verpasst wurden. Es galt neue Energie für den wesentlich besseren Sonntag zu sammeln!IMG_8661

Los ging es Sonntags dann mit Leftöver Crack, die durchaus gefielen und Swiss & Die Andern, mit denen ich nur kurz was anfangen konnte. Um 16 Uhr spielten dann endlich die legendären UK Subs! Unglaublich was der mittlerweile 72 jährige Charlie Harper da abliefert, authentisch, sympathisch und energiegeladen – großartig, immer wieder! Talco lieferten dann im Anschluss das beste Konzert des Festivals, bei dem selbst die hinteren Reihen tanzten. Ebenfalls super waren The Dwarves, die auch gut zu den darauffolgenden Eisenpimmel passten. Grandios wie immer. Eisenpimmel brachten mit „Huka-tschaka Töff Töff“ und Polonaise dann auch ein bisschen Ballermann nach Hünxe. Warum funktioniert das bei denen bloß immer so gut? Ach ja, zwischendurch spielten auch noch Flag, die auf jeden Fall hundertmal besser waren als Black Flag vor ein paar Jahren. Das sagt aber leider nicht viel. Ähnlich wie bei Lagwagon wurde nichts falsch gemacht, aber trotzdem höre ich mir in Zukunft lieber wieder die Alben an, live brauche ich das wirklich nicht nochmal. Trotzdem schön, sie nochmal gesehen zu haben. Richtig gut war dann im Vergleich wieder mal die Sondaschule, funktioniert live irgendwie immer! Headliner am Sonntag waren dann NOFX, die erwartungsgemäß gut abräumten. (Nicht nur) Live auf jeden Fall immer zu empfehlen! Rausschmeißer war Henry Rollins, der eine seiner Spoken Word Performances ablieferte. Für mich nach dem Tagesprogramm nicht mehr interessant, um 14 Uhr hätte ich mir das durchaus gegeben. Schade eigentlich.IMG_8773

Was bleibt? Für mich definitiv, dass das Ruhrpott Rodeo sich mittlerweile zu dem Sommerfestival überhaupt entwickelt hat. Neben dem immer wieder genialen Lineup ist mir dieses Jahr, wie im Prinzip auch schon alle Jahre vorher, besonders die wirklich ausgezeichnete Stimmung aufgefallen, die man nicht auf jedem Festival findet. Besonders bei den großen dreitägigen Festivals gehen mir einige Leute zu später Stunde mal mehr, mal weniger auf die Nerven. Hier blieb die Stimmung, trotz einer ganzen Menge Alkohol, gut, wenig assig und insgesamt sehr entspannt. Zum Teil ist das sicher auch der entspannten Security zuzurechnen, die ebenfalls wieder nur lobend erwähnt IMG_7916werden kann. Alle Securitykräfte mit denen ich gesprochen habe, waren ausgesprochen freundlich und hilfsbereit, etwas, was man äußerst selten findet. Noch seltener sieht man die MitarbeiterInnen im Bühnengraben tanzen, hier hingegen mehrfach. Großartig! Irgendwie macht auch dies das Festival auf eine Art „familiärer“. Dazu trägt auch die entspannte Haltung der meisten Bands bei. Von der 12.30 Uhr Band bis zu den Headlinern konnte man relativ viele zwischen den verschiedenen Plattenständen rumstromern sehen, Fanfotos und Autogramme geben inklusive! Dat is doch kein Punk! Würde Zwakkelmann wohl sagen, macht das Ganze aber nur noch sympathischer, familiärer eben. Was das diesjährige Booking angeht, kann man sicher festhalten, dass es dem zehnten Jubiläums-Rodeo mehr als angemessen war. Auffallend war dabei auch der relativ hohe Frauenanteil auf der Bühne. Schön, das (meiner Meinung nach) relativ ausgeglichene Geschlechterverhältnis im Punkrock auch mal auf der Bühne repräsentiert zu sehen und nicht nur, wie sonst oft, hinter den Kulissen oder vor der Bühne.

So, jetzt ist aber auch mal gut mit Geschreibe. Vielen Dank an Alex und Crew, an Securites, PlattenverkäuferInnen und das restliche Publikum für ein absolut gelungenes Ruhrpott Rodeo 2016! Auf die nächsten Zehn! :)

 

telemarkinputoutÜber Telemarks Duisburger Bros und Sister von Eisenpimmel wurde in auf der Internetseite von Die Zeit mal dieser bescheuerte Satz geschrieben: „An Eisenpimmel fasziniert mich die (un-)ästhetische Schlüssigkeit„. Über Telemark könnte ich das genaue Gegenteil schreiben: „An Telemark fasziniert mich die ästhetische Schlüssigkeit“.

Das fasziniert umso mehr, weil ein paar Telemarker regelmäßig gezwungen werden, bei Eisenpimmel auszuhelfen, wenn mal ein richtiger Akkord oder Ton gebraucht wird. Ähnlichkeiten zwischen beiden Bands gibt es hingegen bei der Arbeitshaltung, die Telemark auf Informat (2009) in „Keine Lust“ und 2016 in „Gerne morgen“ ausgesprochen explizit zur Schau stellten und die vermutlich ihren Teil zu 7 Jahren zwischen zwei Platten geführt hat. Ebenfalls gemeinsam haben beide eine Vorliebe für schöne deutsche Wörter. Während Eisenpimmel uns seiner Zeit im Interview das Wort „keck“ wieder in Erinnerung riefen, holen Telemark das korrekte „akkurat“ in dem gleichnamigen Song aus der Versenkung. Das finde ich gut!

Telemark liefern jedenfalls jedes mal ein geiles, fett produziertes musikalisches Brett mit Stil und viel viel Witz in den kryptischen Texten ab. Nun also input/out: Mehr Wucht, mehr, Bass, teilweise extrem fett hochgeschraubte Songs. Musikalisch macht der Band keiner was vor. Postpunk, Punk, Noise, Alternative, Indie sind die Eckpunkte, mich hätte nicht gewundert, wenn Kurt Ebelhäuser den einen oder anderen Song produziert hätte. Hat er aber nicht. Insgesamt klingen Telemark deutlich aggressiver, was ihnen ausgesprochen gut steht.

Auch Themen und Stimmung im Ganzen sind ernster geworden ist, ohne Witz sind die Texte aber bei Leibe nicht. Allein so poetische Reime wie

„Lieber ein Bier mit dir,
als ich allein mit mir.“

(aus dem bombastischen „Kaputte Köpfe“) oder

„Ich tu mich etwas schwer,
dem anderen zu erklären,
dass ich ihn nicht mag so sehr.“

(aus dem anschließenden „Wortort“) sind mindestens Literaturpreis Ruhr würdig und lockern die härteren Themen immer wieder auf. Denn Dügida und der gar nicht mal so sanfte Niedergang haben aber Spuren darin hinterlassen. Querverweise zum Leerstand („Jammer Jamma Hey“) oder stetiger Fremdenfeindlichkeit („Schokolade“, „Kopfreiniger“) werden mal mehr, mal weniger stark explizit gezogen, aber nie mit Parolen oder unterkomplexen Theorien ausgelutscht. Ganz im Gegenteil ist vieles eher Zitat des geführten Diskurses auf den Straßen, es ist ja nicht so, dass Telemark den Leerstand schlecht finden, sondern sie tragen den Diskurs der Einkaufsstraße in die Rockmusik:

„Weiter Leerstand, weiter Leerstand
Ob im Hier, ob im Ich und alles so
Jammer Jamma Hey.“

Und so ist input/out so eine Art neubautensche oder kraftwerksche Vertonung Duisburgs auf Aggro. Und so sind Telemark quasi die Schimanski des scharf geschliffenen Postpunk oder eben die ästhetische Version von Eisenpimmel. Hammer Hammer Ey!

Quasi zeitgleich erschien das Debüt der Band Storno mit teilweise überschneidender Besetzung. Die ist auch großartig und wird demnächst auch vorgestellt :-)

Telemark bei bandcamp

Telemark bei Facebook

Astairre_Promo1Unser Bottroper Gastautor André (im Buch mit einem Beitrag über die Upright Citizens) schwärmte immer schon von der Bottrop-grounded Band Astairre in den allerhöchsten Tönen und womöglich wäre sie auch Thema in unserem Buch über Punk im Ruhrgebiet vertreten, wenn sie nicht zwischenzeitlich nach Köln umgesiedelt wäre und mangels Veröffentlichungen seinerzeit nicht auch unbedingt ein aktuelles Thema waren, was ja nun erklärtermaßen ein gewisses Kriterium für unsere Auswahl war. Umso erfreuter stellten wir fest, dass Astairre eine tolle neue EP am Start haben, André gefragt, wo man seine Bottroper Buddys am besten erreicht, Fragen gestellt und von Schlagzeuger Max Antworten zwischen Grugahalle und Muttis Garten bekommen. Unsere Review zur EP gibts oben drauf unten drunter.

1.  Wie bist du zum Punk gekommen?

Max: Das ist ziemlich einfach erzählt: Es war 1995, Grugahalle in Essen, es spielten Die Ärzte als Headliner und WIZO als Vorgruppe. Kurze Zeit später kaufte ich mir die „Herrenhandtasche“ von WIZO und bekam von meinem Stiefbruder ein Tape mit ihren ersten beiden Alben, da war’s um mich geschehen. Die Wildheit, ihre inhaltliche Unangepasstheit und die musikalische Energie, die das transportierte, haben mich direkt angesprochen und fasziniert.

2. Hat das Ruhrgebiet eine bestimmte Bedeutung für dich?

Klar doch! Wenn mein „Heimat“-Begriff irgendwie an einen Raum gebunden ist, dann sicherlich an das Ruhrgebiet. Dort bin ich aufgewachsen, von dort kommen meine ältesten Freunde und auch wir als Band. Die Mentalität und Sprache des Potts liegt uns persönlich nahe: offen, direkt und rau — hart aber herzlich.

3. Verbindet Punk und Ruhrgebiet irgendetwas?

Das Ruhrgebiet hat einige tolle Punkrock-Bands hervor gebracht, wie  die Upright Citizens, Pills Angels und So What?!. Oder, um mal ein aktuelles Beispiel zu nennen: die grandiosen Kaput Krauts, mit Ausnahme ihres neuen Bassisten, stammen auch alle aus dem Ruhrpott. Insofern gab es immer, besonders im Dreieck Essen-Bochum-Dortmund, aber auch in anderen, kleineren Städten, wie beispielsweise Oberhausen durch das Druckluft, eine lebendige Szene.

4. Was ist der punkigste Ort im Ruhrgebiet?

Das hängt natürlich jetzt mal wieder sehr von der vielseitig diskutierten Definition von Punk ab; aber wenn man darunter den Ort versteht, wo Punkrock in seiner sozio-kulturellen Form, auch was das Umfeld anbelangt, am meisten stattfindet, dann ist es wohl das AZ Mülheim. Ansonsten die Terrasse meiner Mutter.

 

Es ist echt irre, also nicht Astairre, sondern wirklich irre: Der Sound von Astairre (nunmehr angesiedelt in Köln) passt wirklich nicht mehr so recht ins Ruhrgebiet. Spielt die Umgebung wirklich so massiv in die Songs hinein oder bilde ich mir das nur ein? Ist das dann eher so Köln-Punk? Jedenfalls ist das ingesamt ein bisschen mehr zum Nachdenken und die Jungs sind auch als Typen sehr viel gepflegter als der gemeine Ruhrpunk. Im Opener „Ich hasse meine Freunde“ knarzt es jedenfalls ordentlich, ich bin nicht gut im Akkorde zählen, aber keine Ahnung, warum der Fö das hier nicht als Punk ansieht. Starker Song! Das gibt aber nicht die Linie für die EP vor, die zum Beispiel in „Cavern Club“ musikalisch auch sehr viel ruhigere Töne anschlägt und über die fünf Songs musikalisch die volle Bandbreite dazwischen ausspielt. Sie verarbeitet inhatlich all das, was einen nachdenklich machen kann, und musikalisch, wie man damit so umgehen kann. Melancholie, Wut und all den feinen Nuancen dazwischen. Mit „Solange wir noch funktionieren“ ist Astairre eine musikalisch sehr schön abwechslungsreiche und inhaltlich nachdenkliche EP gelungen. Dabei klingt die Platte Punk sei Dank nicht überproduziert, so dass auch die ruhigeren Songs eine kernige Proberaumathmospäre ausstrahlen.

Live:

15.7. Bochum Total, Bochum
13.8. Olgas Rock, Oberhausen

 

Astairre bei Facebook

Astairre Feature bei Bierschinken in Bierschinken-Qualität

Letztens bei einigen Bierchen (und einen Gratis-Schnaps) im Intershop fragte sich der Autor dieser Zeilen, warum es eigentlich nie Zwakkelmann-Vinyl gibt, noch mehr: Warum Zwakkelmann-CD so fest mit einander verbunden ist, dass sich Zwakkelmann-Vinyl, Zwakkelmann-MC oder Zwakkelmann-Stream in etwa so anhören wie im Gegenzug zum Beispiel Beatles-CD. Jeder Künstler scheint seinen Ort zu haben, Zwakkelmann ist der CD Typ. Vinyl oder noch schlimmer MC passen freilich zu den Künstlern, die in der Zeit veröffentlichten als man sich eben dieser Technik bediente, und zu den Künstlern, die später diese Medien nutzen, wenn sie wieder angesagt sind und um sich ggf. ein bisschen ein Teil der Angesagtheit abzuschneiden. Zwakkelmann vom Niederrhein muss nichts dergleichen: Zwakkelmann ist Jahrgang CD und Zwakkelmann muss auch niemanden beweisen, dass er angesagt ist. Zwakkelmann ist Zwakkelmann, Zwakkelmann ist Gegenwart und Zwakkelmann ist Niederrhein und somit von jedem Verdacht von Angesagtheit befreit. Zwakkelmann ist CD, gern abgespielt auf einer Kompaktanlage von Aldi-Süd. Und noch viel mehr: Zwakkelmann vereint die besten Eigenschaften einer CD: Beides ist einfach und direkt, erfordert keine besonderen Vorkenntnisse, Beides ist leicht zu lagern (Zwakkelmann findet sich immer ganz am Schluss der Sammlung) und nicht zuletzt taugt beides gelegentlich auch mal als Spiegel. Denn die erzählten Geschichten kennt man dann doch auch von sich selbst in ähnlicher Weise.

Die neue Zwakkelmann-CD heißt „Entschuldigung“ und enthält all das, 16 erdige Schlager-Punkrock-Singer-Songwriter-Stücke in gewohnter Zwakkelmann-Qualität und Einmaligkeit, denn diese musikalische Mischung zu einem eigenen Sound in Verbindung mit diesen persönlich-witzig-schrägen Geschichten kann ich weder genauer beschreiben geschweige denn Vergleichen. Zwakkelmann Supermann eben.

Schlaffke, wieso erscheinen deine Platten eigentlich immer auf CD?

Hmm, obwohl ich mit Vinyl aufgewachsen bin und die Einführung der Compactdisc für meine alte Band Schließmuskel eher negative Auswirkungen hatte, mutierte ich seltsamerweise nie zu einem richtigen Vinyl-Freak. Auch im hohen Alter nicht. Mir gehts vorrangig um die Musik und nicht um den Tonträger. Ich finde CDs auch irgendwie praktischer. Vielleicht, weil ich mittlerweile `ne Kompaktanlage habe, an die man nur schlecht `nen Plattenspieler anschließen kann. Auch hör ich viel Musik über meinen PC, auch wenn das jetzt nicht übermäßig pc (also politically correct) daher kommt. Entschuldigung, ich konnte aus dem Sammeln von Tonträgern nie so richtig `nen Kult machen. Ich hätte aber absolut nichts dagegen, wenn Zwakkelmann auch auf Vinyl erscheinen würde. Nur müsste sich erstmal `n Sponsor finden, denn größtenteils ist das `ne Geldfrage. Zumal man in der heutigen Zeit, wenn man es auf einem so erbärmlichen Level wie ich betreibt, an Tonträger-Produktionen eigentlich nur Miese macht.

Jetzt wo du deine Geliebte Z (für Zigarette) aus deinem Leben verbannt hast, müsstest du dich dann nicht eigentlich Wakkelmann nennen?

Ich brauchte einen Moment, bis ich`s kapierte. Ha, ha, ha, ich will mein Z zurück!

Du schreibst ja sehr regelmäßig sehr viele Songs. Diesmal sind es glaube ich 16 geworden. Woher weißt du wann ein Song gut genug ist? Ist das so eine „is egal, ich lass das jetzt einfach so“ Haltung oder ist es dieser berühmte oha Moment?

Ich glaub, man hat direkt im Gefühl, ob ein Song wirklich stark ist, den man gerade geschrieben hat. Aber manchmal können Lieder auch wachsen. Zum Beispiel kommt es drauf an, wie man sie im Endeffekt spielt. Ich probiere da schon viel rum. Teste die Stücke in verschiedenen Tonlagen an oder arrangiere mit meiner Bigband im Proberaum rum. Auch an den Texten feile ich bisweilen sehr lange und intensiv, bis sie mir zusagen. Texten ist teilweise echte Fleißarbeit. Ich verfüge ja mittlerweile über einen feisten Fundus an Liedern und Songideen (teilweise auch nur Fragmente), aus dem ich bei Bedarf schöpfen kann. Da is` aber auch jede Menge Müll dabei. Meist sind es jedoch eher die neuen Lieder, die veröffentlicht werden.

Außer dafür, dass du uns noch ein Butterbrot schuldest, brauchst du dich zumindest bei uns für nichts zu entschuldigen. Fehlt dir im Punkrock zu sehr Höflichkeit und gute Manieren?

`ne gewisse Höflichkeit und auch halbwegs gute Manieren find ich nicht verkehrt. Aber man muss es auch nicht überteiben. Ich sing zwar „Ja, vielleicht bin ich asozial“, aber meiner Meinung nach muss es im Punk nicht total asozial zugehen. Deshalb heißt es ja auch „…vielleicht bin ich asozial“. Ich mag es schon ein bisschen gesitteter, was nicht heißen soll, dass ich mir nicht den Arsch vollhauen, mich daneben benehmen und anderen auf die Nerven kann.

Wie oft entschuldigst du dich persönlich eigentlich so freiwillig oder gezwungen?

Da ich permanent `n schlechtes Gewissen habe, entschuldige ich mich genau 240 Mal am Tag. Das geschieht fast immer aus einem inneren Zwang heraus.

Wäre es eigentlich nicht mal so richtig niederrheinisch eine große Knibbelaktion mit dem Ziel mehr Sauberkeit und Ordnung zu starten, bei der diese Milliarden von Zwakkelmann Aufklebern entfernt werden, vielleicht als Trinkspiel im öffentlichen Raum?

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Das is` `ne jute Idee. Und für jeden abgeknibbelten Zwakkelmann-Aufkleber gibts von Schlaffke, dem Streber und Arbeitgeber, `nen Schnaps auf die Leber (schöner Reim).

Alles Gute nachträglich übrigens!!! Hast du eigentlich schöne Geschenke bekommen?

Dankeschön! Ja, da waren einige tolle Geschenke dabei. Zum Beispiel ein Kuchen in Z-Form, `ne The Who-Tasse und eine unsagbar hässliche, selbst gestrickte Schlaffke-Pudelmütze. Ein Witzbold schenkte mir außerdem `ne Helene Fischer-Biografie. Aber wirklich grandios, die John Lydon-Biografie „Anger is an energy“ von meinem Ex-Schlagwerker. Überaus köstlich, interessant und unterhaltsam, das Teil.

 Live:

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Was ein flottes Ding ist denn bitte die neue Sondaschule-Platte geworden? Während ich gelegentlich eher Vorwürfe höre, die neue Platte wäre super seicht und total poppig, erlebe ich das Teil vollkommen anders. Weniger Songs über Fäden, die aus Frauen hängen, auch optisch mehr Working Class. Der Opener ist für Sondaschule Verhältnisse hochpolitisch, wendet sich gegen deutsche Kanzler und ihre Panzer und gegen nichts anderes als die gefährliche Vorstellung, man könne die Welt klinisch rein sortieren und bis ins Detail steuern.

Mit Mülheim-Ruhr haben auch Sondaschule nun eine hymnische Liebeserklärung ans Ruhrgebiet „bis vor Dortmund“ im Programm, dem quasi als Kontrapunkt „Lass uns los“ gegenüber gestellt ist, in dem Fluchtgedanken aus einer heruntergekommenen Region thematisiert werden.

„Is mir egal“ zieht getragen von Bläsern dermaßen flott nach vorn, „so schön Scheiße“ offbeated vor sich hin, die alte herablassende im Ruhrgebiet gebrauchte Aufforderung „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ bekommt einen Song. „Es stinkt in dieser Stadt“ nimmt kurz das Tempo raus, bevor „Keine Liebesbriefe“ nochmal anzieht und die Platte mit „Schön kaputt“ überraschend still und leise zu Ende geht.

Für Leute, die ansonsten nur Hardcorepunk hören, ist das vielleicht zu flott und poppig. Für mich ist „Schön kaputt“ bislang die rundeste, abwechslungsreichste und hörenswerteste Platte von Sondaschule. Gerade deshalb wäre ne hübsche Vinyl doch mal ne feine Sache.

wpid-wp-1437983793031.jpeg„Danke für Punk“, „Danke fürs Bier holen“, „Danke für Alles“, „Danke für Hilfe in schwierigen Zeiten“, „Danke für den geilen Abend“, „Danke für die kalte Flasche Wasser am Morgen danach“. „Danke“ ist ein gemeinhin unterschätztes Wort, auch wenn es vielleicht nicht wirklich das punkigste Wort unserer Zeit ist, wie Zepp Oberpichler (Jimmy Keith, Schlaffke und Zepp) im Begleittext seiner neuen Platte behauptet. Denn die heißt „Danke“ und ist auch überhaupt nicht punkig. Denn ein ehrliches „Danke“ verweist auf besondere zwischenmenschliche Momente, möglicherweise auf einen Moment der Schwäche, die Einsicht, dass man ohne jemand anderen vielleicht nicht so gut dastehen würde, wie man es gerade tut, sei es weil man schlicht kein Bier in der Hand hätte, wenn es nicht jemand geholt hätte, weil man nie die Freiheit im Punkrock erlebt hätte, wenn nicht jemand damit begonnen hätte oder weil ein Freund eben da war, als man am Boden lag.

Auf diese Momente zielt auch der Zepp mit seiner neuen Platte. Nur mit der Gitarre, zehn eigenen Texten und zwei Lieblingsgedichten (Gryphius und Ernst Moritz Arndt) bewaffnet singt er Songs über das Leben und all diese besonderen Momente und Menschen. Dabei kommen dann eher flotte Songs wie „Schimmelreiter“ (zweifellos auch eine literarische Anspielung, wenn auch mit eigenem Text) oder auch sehr stille, nachdenkliche wie „Wie du bist“ heraus. In diesen Momenten erinnert Zepp manchmal an die Solosachen von Tom Liwa (Flowerpornoes).

Sowas ist immer ein schmaler Grat und vermutlich würde ich an dieser Stelle lieber nicht drüber schreiber, wenn es nicht geglückt wäre. Fernab von Kitsch klingen die Songs angenehm rau und spröde. Dass der Zepp gut texten kann, kann man nicht nur in seinem Gedichtband „Heartzland“ (übrigens in unserem liebenswerten Verlag Henselowsky Boschmann erschienen) bestaunen. So vermeidet er auch hier nebulöse Metaphernwolken, bleibt angenehm konkret und nachdenklich.

Also wie kann man diese Rezension beenden: Danke, lieber Zepp :-)

Die CD ist über www.oberpichler.de sowie ausgewählten Fachhandel erhältlich. Digital ist sie in den einschlägigen Plattformen zu bekommen.

 

IMG_7699Tag 1

So, dann mal unser Senf zum 16. Punk im Pott: Die Reise begann äußerst pünktlich bereits um 15 Uhr am Bochumer Hauptbahnhof, diesmal wieder mit fachkundiger Begleitung durch Mr. Wolverine von Punkrockers Radio. Bewaffnet mit Diktiergerät und Fotoapparat ging´s ab zur Turbinenhalle, wo wir nur ca. eine halbe Stunde in der Schlange standen. Nach Berichten anderer, später angereister Personen, änderte sich das allerdings bald. Die Taschenkontrolle wurde dieses Jahr in die Halle verlegt und war teilweise wohl etwas unterbesetzt, was zu einigem Ärger über verpasste Bands führte. Frühes Erscheinen sei also für´s nächste Jahr schon mal angeraten. Für uns begann das Festival mit den letzten paar Songs von G140. Eine Band, die uns vor allem deshalb interessierte, da Rommel von den Lokalmatadoren hier den Bass bespaßt. Musikalisch spielen sechs Herren und eine Dame eine Mischung aus Ska und Rock, was mich persönlich nicht so anspricht und eher an eine (gute) Partyband erinnert. Die folgenden Missstand verpassten wir genauso wie den Anfang von Radio Havanna. Dafür führten wir tiefgründige Gespräche und nötigten allerlei Leute zu ersten Mini-Jahresabschluss-Interviews. Die Ergebnisse gibt’s am 06.01.2015 ab 20 Uhr in Wolverines Plattenküche auf Punkrockers-radio.de nachzuhören, einschalten lohnt! Musikalisch ging es dann erst mit Chefdenker weiter, die diesmal (zusammen mit dem Bambix-Basser) zu fünft auf der Bühne standen. Richtig so, zwei Bassisten braucht man, besonders wenn der eine (kopflose) Bass so grottenhässlich ist! Bambix ist übrigens auch so eine Band, die mal wieder dringend eingeladen werden sollte. Davon ab, für mich jedenfalls wieder einer der besten Auftritte des Festivals. Gleiches sage ich aber regelmäßig über (wahlweise) Knochenfabrik, Casanovas Schwule Seite oder eben Chefdenker – ohne Claus Lüer Bands geht das nicht. Schön, dass Veranstalter Alex das ähnlich sieht! Anschließend ein weiteres Highlight, die Lokalmatadore! Sänger Fisch ölte sich schon vor dem Auftritt kräftig die Stimme – nein der trinkt doch nichts, der nimmt Sänger-Öl. Gibt´s wirklich, riecht nach Kräutern und ab jetzt wird „Stimme ölen“ für mich nicht mehr nur mit Bier in Verbindung gebracht – wer hätte das gedacht. Ob´s geholfen hat, kann ich musikalisch nicht beurteilen, der Auftritt war aber wie immer sehr souverän und hymnisch wo es hymnisch sein muss. Großartig und schwer zu toppen! Dementsprechend schwer hatte es die Terrorgruppe direkt im Anschluss. Beim sommerlichen Ruhrpott Rodeo war ich schwer begeistert und auch hier ist es ähnlich. Muss ich mir unbedingt auch nochmal in kleinerem Rahmen angucken. Die Songauswahl und die Show, inklusive der Videoprojektion, Pyrozeug und Konfettikanonen war wieder super! Konfetti, hach! :) Letzte bewusst wahrgenommene Band des Abends war dann für mich Knorkator. Vor ein paar Jahren spielten die „Spaß-Metaller“ (ist das richtig, kann man das so sagen?) schon als Vorband der Kassierer in Krefeld. Damals fand ich sie blöd, heute auch. Muss ja nicht alles gefallen. Die Halle war jedenfalls sehr gut gefüllt und die ersten Reihen erschienen mir äußerst textsicher. Von der Antilopen Gang habe ich dann nichts mehr wirklich mitbekommen, und Fliehende Stürme und die Shitlers haben wir uns dann zugunsten des nächsten Tages geknickt. Dafür gab´s auf der Bahnfahrt noch was zu essen und maximal inkompetente Diskussionen über Metal. Schön war´s!

Tag 2

Der nächste Tag beginnt wie jeder zweite Festivaltag und spätestens jetzt freue ich mich über das (längst überfällige) Essen auf der Rückfahrt am Vorabend. Konditionsmäßig hält sich das nämlich alles eher in Grenzen und bereits um 12.30 Uhr mache ich mich in reizender Begleitung auf zur nächsten Runde. Kaum in der Halle angekommen, und wegen einiger Änderungen der Running Order auch schon fast das gesamte Set von Rasender Stillstand verpasst, fällt mir auf, dass die Speicherkarte der Kamera sicher zuhause im Kartenslot schlummert. Mist. Beim darauf folgenden Facebook-Posting, ob denn jemand zufällig noch zum PiP fährt und mir eine Karte leihen könnte, schreibt mir mein Mobilfunk Anbieter, dass mein „Surfvolumen für diesen Monat aufgebraucht“ sei. Fantastisch, die Technik war gegen mich. Dank Auto und einsatzfreudiger Begleitung, fand die Karte eine Stunde später dann zum Glück doch noch den Weg in die Kamera, vielen Dank dafür!! :) Die folgenden No Exit gehören zu den Bands, die es schon ziemlich lange (in diesem Fall seit 1991) gibt, die aber immer völlig an mir vorbei rauschten. Der Auftritt war sicherlich solide, riss mich aber in keiner Weise mit. Vielleicht war dies auch der immer noch recht frühen Tageszeit geschuldet. Ein Mini-Interview mit dem sehr netten Basser gibt´s jedenfalls am 06.01. zu hören. Die nächste Band Total Chaos steckte wohl irgendwo auf einer Autobahn fest und konnte den Auftritt nicht wahrnehmen. Was für ein Glück, nicht weil ich Total Chaos nicht mögen würde (ich kenne ja auch nur zwei Songs), sondern weil als Ersatz Schmeisig die Bühne betraten. Auch diese fallen in die eben erwähnte Kategorie von Bands, die man zwar vom Namen her kennt, aber nie wirklich gehört oder gesehen hat. Zumindest beim Punk im Pott und dem Ruhrpott Rodeo schiebe ich das einfach mal auf die Spielzeiten. Meistens (wie auch heute) machen Schmeisig den Opener (11.30 Uhr). Völlig unmögliche Zeit, besonders am zweiten Tag. Meine Güte, was habe ich da verpasst. Die Akustik-Punk-Cover-Sonstwas Mischung ist ja sowas von genial! Mag auch daran liegen, dass u.a. mit Quadrat im Kreis, eines meiner liebsten WIZO Stücke gecovert wurde, aber was hier abging toppt für mich das Festivaljahr! Sogar die Security im Graben tanzte mit. Mein persönlicher Headliner! Dieses Mal dann auch zum ersten Mal bewusst gesehen und gehört: Fahnenflucht. Seit Jahren hängen mir einige Freunde in den Ohren, Fahnenflucht seien ja so gut … und ja, stimmt. Guter Punkrock, gute Texte, das gefällt durchaus. Anschließend dann COR, die zwar (finde ich) in kleinerem Rahmen besser funktionieren, aber auch hier durch engagierte Ansagen und ordentlich Lärm gut ankamen. Lockerer wurde es dann im Anschluss bei den Abstürzenden Brieftauben, die wieder zu zweit auf der Bühne standen. Hier gab es ja im letzten Jahr einige Diskussionen, ob die Reunion ohne Konrad funktionieren würde. Scheinbar ja, eine erfolgreiche Tour wurde gerade absolviert und auch die Turbinenhalle war letztes wie auch dieses Jahr gut gefüllt mit textsicheren, tanzenden Menschen. Fun-Punk ist und bleibt zwar nicht mein Ding, aber was hier geboten wurde war schon wirklich schön anzusehen/-hören. Ähnliches gilt für Pöbel & Gesocks. Ab einem gewissen Pegel kann man der Band eine außerordentliche Partyeignung inklusive passender Showeinlagen nicht absprechen. Pöbel und Gesocks- Oi Oi Oi funktioniert live einfach super – besonders beim Punk im Pott. Wohl als Kontrast kam dann anschließend Götz Widmann auf die Bühne, es wurde ruhiger und für mich auch etwas belanglos (ja ich weiß – „wie kannst du nur, du hast ja keine Ahnung…“). Stimmt. Fuckin´ Faces kamen als nächste, seit ca. 6 Jahren nicht mehr gesehen, haben Spaß gemacht. Richtig gehaltvoll wurde es dann wieder mit den Kassierern, die den diesjährigen Headliner darstellten, jedenfalls für uns. Gewohnt gute Show, die mich allerdings zugegebenermaßen nicht mehr so fasziniert wie noch vor ein paar Jahren. Zu feiern gab´s übrigens auch was. Die Kassierer wurden vor ein paar Wochen mit dem „goldenen Umberto“ der ProSieben Show Circus Halli Galli ausgezeichnet – für ihr Lebenswerk. Mehr als verdient!

Da Bilder bekanntlich mehr erzählen als tausend Worte, zum Abschluss noch ein bisschen Buntes. Noch mehr und bessere Bilder gibt es auch wieder wie gewohnt beim Punkrock-Sekretär, guckt mal rein!

Bis zum nächsten Jahr und allen einen guten Rutsch! :)

 

 

Was verbindet Zwakkelmann und das Konzept eines Livealbums? Beides lebt vom Liveerlebnis, beides hat was mit Bier zu tun, beides ist ein bisschen retro und beides ist ziemlich kultig. Wer ist also prädistenierter als The Man from Hamminkeln und bitte welcher Albumtitel könnte besser zu Zwakkelmanns Livealbum passen als Zwakkelmania (von Zwakkelmann live abgesehen)? Verdammt nochmal, das musste einfach großartig werden.

Schlaffke kannten wir erst seit den Recherchen zu unserem Buch über Punk im Ruhrgebiet, in dem Schlaffke mit Interview und Gastbeitrag zum Punk im Pott vertreten ist) Umso mehr haben wir uns gefreut, dass er uns eingeladen hat, beim Versuch der Produktion eines Livealbums dabei zu sein. Das ganze wurde nicht mit Ghettoblaster, sondern ganz professionell im Tonstudio Keusgen am Niederrhein in Haldern aufgenommen, dessen Macher auch beim Haldern Pop jedes Jahr zeigen, dass sie keine angst davor haben, dass mal ein Bier aufs Parkett kippt. Schlaffke kannte also alle persönlich, die ihm das Bier weggetrunken haben und in sein Mikro stolperten, schwitzten, grölten, ….

Dieser Charme der Familienfeier kommt gut rüber, zum Beispiel in solch wunderbaren Zwischenrufen:

„Schlaffke: Das nächste Lied ist ganz schön schwer.

Ausm Publikum: Ja dann lasset doch sein!“

Für meinen Geschmack hätte das sogar noch präsenter sein können, von mir aus kann sone Liveplatte aber auch nach Schweiß stinken, wenns denn der Authentizität dient. Insofern muss man da sicher irgendwo seine eigene Grenze ziehen. Ansonsten ist das Ganze Teil hervorragend produziert, Instrumente klar zu hören und all der ganze Kladderadatsch. Zu den Songs muss ich ja hier nichts weiter sagen.

Also lieber Schlaffke: Das sitzt, das Mikro wackelt, nur keiner hatte Luft. Mit der Zwakkelmania kommt das Konzept Livealbum wieder zu seinem Recht!

„Wer nix kann, muss aussehen“, sagen Eisenpimmel. „Wer als punkaffiner Mensch keine drei Akkorde kann, nicht bis vier zählen kann oder deshalb bei drei auf den Bäumen war als die Kollegen nen Sänger suchten, der schreibt eben ein Buch“, sagt der Autor dieser Zeilen. So war es bei unserem Machwerk zum Punk im Ruhrgebiet und so war es vermutlich auch beim Maks von RilRec, dessen Jahr 2013 nun als Buch mit dem griffigen Titel „Der mittelgroße RILBFHPA Punkrock Almanach 2013″ erschienen ist. Kenner finden darin gar nix neues, streng genommen sogar weniger als in seinem Onlinefanzine. Das Buch versammelt 102 (!) Konzertreviews des Jahres 2013 (davon 90% im Ruhrgebiet), mit weniger Fotos als im Blog, aber dank Lektorat auch mit weniger Rechtschreibfehlern, was eine sinnvolle redaktionelle Entscheidung ist.

Nun kann man natürlich wieder fragen, wozu das Ganze, wenns das doch alles für umme im Netz gibt, Einfache Antwort: Weil es die Sache wert ist, Maks schreibt eigentlich die einzigen Konzertreviews, die ich überhaupt lese. Der Junge hat nicht nur ne flotte Schreibe, sondern geht inhaltich diesem öden Konzertklimbum auch noch so aus dem Weg, dass man wirklich einen Eindruck bekommt, wie der Abend so war. Das ganze natürlich hochpersönlich und mitunter extrem lustig. Schade nur, dass man selten erfährt, wie ein Konzert endet. Das Ding kommt für nen Zehner in einem stabilen Paperback, massig Text auf 280 Seiten, aufgehübscht mit zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotos. Einziger Nachteil an dem Ding ist eigentlich, dass man sich nachher ein bisschen schämt, dass man im Vergleich viel zu wenig auf Konzerte geht. Aber das lässt sich ja auch ändern.

Also Pflichtkauf für all jene, die immer rumprahlen, dass sie ja nur noch auf Vinyl hören, weil is ja viel echter und so, fühlt sich auch besser an und so. Dann kauft gefälligst auch dieses Buch. So! Achso: Wo? Hier!